Unterrichtungstafeln werden die braunweißen, großformatigen Hinweisschilder entlang den deutschen Autobahnen genannt, die auf touristisch interessante Ziele ebenso hinweisen können, wie auf historisch bedeutende Ereignisse und Vorgänge, die just an jenem Ort, den man eben im gemütlichen Reisetempo von 180 km/h passiert, stattgefunden haben. Früher waren sie eher rar gesät und man wusste, dass man hier dankenswertwerweise tatsächlich auf etwas Großes, Bedeutungsvolles aufmerksam gemacht wurde, renkte die Hälse von hinten durchs Schiebedach, etwa auf der A3 kurz hinter Regensburg (laut Hinweistafel UNESCO Welt-Kulturerbe), wenn eine stilisierte Walhalla weiß auf braunem Hintergrund erstrahlte und man diese leibhaftig auch irgendwo dort drüben am gegenüberliegenden Donauufer ausmachen konnte.
Dann irgendwann kamen findige regionale Tourismusmanager auf die Idee, diese prestigeträchtigen Werbeflächen auch für ihre kleinen aber feinen Preciosen des deutschen Fremdenverkehrs zu nutzen und es wurden also auch Tafeln aufgestellt, die den vorbeifahrenden Polen, Tschechen oder Rumänen an der A70 von der ruhmreiche Stadt Schweinfurt kündeten, verbunden mit dem vielsagenden Slogan “Industrie und Kunst”, sodass der gemeine Osteuropäer unverzüglich in die Bremseisen stieg und die Ausfahrt Gochsheim/Sennfeld ansteuerte um über unsere erhabene Maxbrücke direkt auf das “MGS” zuzustreben und ebendort in der Tiefgarage seine Parkgroschen zurückzulassen, oben die spitzwegerichen Gemälde zu bewundern, anschließend beim Beuschlein noch einen Radio zu kaufen und sodann über die imposante, weil industriegeschichtlich ihresgleichen suchende, südöstliche Stadtausfahrt (ugs.: Ernst-Sachs-Straße) wieder gen Autobahn zu lenken.
So eine Stadt ist aber bekanntlich im Wandel und hätte es Unterrichtungstafeln bereits vor 20 Jahren gegeben, wäre auf der Schweinfurts vielleicht der Slogan “Herz der Wälzlagerindustrie” gestanden und Mitte der Neunziger dann “Herzinfarkt der Wälzlagerindustrie” oder so. “Industrie und Kunst” ist deshalb als Schweinfurter Autobahnmotto zwar noch aktuelle Realität, eigentlich aber auch schon wieder Vergangenheit denn im April wurden – noch unter Regentin Gudrun I. – die überarbeiteten Tafeln stolz präsentiert, mit neuem Slogan “Reichsstadt – Industrie – Kunst”, die – so hieß es damals – “im Mai montiert werden”, fragt sich nur, ob 2011 oder 2012. Währenddessen haben sich unsere reichsdörfischen Nachbarn aufgeschwungen und selbst ein Plätzchen an der A70 erobert. “Gochsheim und Sennfeld – Kaiserlich freie Reichsdörfer” steht dort für Jedermann zu lesen und man denke nur wieder an den neugierigen Rumänen, der die einschlägige Ausfahrt ansteuert, zielstrebig auf Sennfeld zu-, hindurch- und wieder hinausfährt; “War da was?” Ach ja – das Reichsdorf vor der Reichsstadt mit dem berühmten Museum…
Manchmal haben solche Schilder aber auch etwas wirklich Lehrreiches; in Buttenheim etwa, das am so genannten Frankenschnellweg zwischen Kilometer 112,7 (Hinweistafel “Fränkische Schweiz”) und Kilometer 118,0 (Hinweistafel “Forchheim – Fränkische Königsstadt” – kombiniert mit Zusatzschild “Metropolregion Nürnberg”) bei Kilometer 112,9 avisiert wird. Dort liest der staunende Reisende en passant: “Buttenheim – Geburtsort Levi’s” und rätselt bis fast nach Nürnberg, um welchen Levi es sich dabei wohl gehandelt haben mag oder auch noch handelt, so er denn noch unter uns weilt. Letzteres tut er jedoch nicht; er wurde am 26.2.1829 als siebtes Kind des Hausierers Hirsch Strauss in Buttenheim geboren und starb am 26.2.1902 mutmaßlich in San Francisco. Dazwischen erfand er die 501 und all’ die anderen Nummern, die heute stellvertretend für Blue Jeans der Marke “Levi’s” stehen – so ist es jedenfalls überliefert und wird in Buttenheim auch in einem einschlägigen Museum nacherzählt.
Das gefällt mir – man reist, schnappt etwas auf, googelt es geschwind auf dem iPhone nach und ist um einiges schlauer als vorher, ohne die Autobahn auch nur einen Zentimeter weit verlassen zu haben. Vielleicht auch eine Anregung für Schweinfurt. Und Ebern. Und Coburg. So eine Art A70/AA73-Quiz: “Schweinfurt – Geburtsort Rückerts”. Und: “Ebern – Zeugungsort der zehn Kinder Rückerts”. Und am Ende: “Coburg – Hier starb Rückert”. Ich befürchte nur, der uns allen wohl bekannte Herr Rückert, Orientalist und Dichter, wird es an Bekanntheit mit seinem Buttenheimer (Teil-)Zeitgenossen kaum aufnehmen können. Ein früherer Schweinfurter Tagblatt-Chefredakteur hätte an dieser Stelle seine eigenen Schlüsse g’stanzelt:
Ein hartes Brot ist leider – ach -
die Kunst und auch die Wissenschaft.
Bekannter wird man eben
durchs Hosenweben…




