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Endlich geleaked: Christian Wulffs Anruf bei Kai Diekmann

5. Januar 2012

Hallo Kai,

ich bin gerade auf dem Weg zum Emir. Puh – 10 Termine heute wieder und dann noch diese Hitze. Für meine Frau und mich ist der Rubikon langsam überschritten. Muss mit den Jungs hier mal über die Sache mit dem Iran reden – nicht, dass die noch Krieg führen. Wenn es ginge, würde ich gegen Ahmadinedschad Strafantrag stellen nach internationalem Recht, wegen seines blöden Atomprogramms. Egal – ich muss weiter. Ach ja, eine Bitte noch an Dich: Könntest Du den Artikel über meinen Hauskredit noch um einen Tag verschieben? Meine Tochter ist dann wieder im Lande, sie würde ihn ganz gerne lesen, wenn sie die BILD morgens am Kiosk holt.

Alles Gute dann noch – wir sehen uns nächste Woche bei Maschis Geburtstagsfeier!

Usain Bolt

31. Dezember 2011

Meine beiden Feuerwerksbatterin der verbotenen Kategorie vier habe ich mir online beschafft. Sie kamen – unverdächtig – in einem Karton für Sexspielzeug. Gott sei Dank. Nach dem Empfang knöpfte ich mir sogleich die Gebrauchsanweisung vor; man will in der Silvesternacht ja vor Überraschungen gefeit sein. Schön, dass man sich in Fernsot die Mühe gemacht hatte, das “How to” ins Deutsche zu übersetzen.

“Wenn starte Feuergewerk elektrisch, schieben Zündkappe über….” Nein, das konnte es nicht sein. Ich hatte vor, den Sternenzauber klassisch von Hand zu entzünden, mit meiner alljährlichen Silvesterzigarre, gerollt von kubanischen Jungfrauen auf deren samtweichen Oberschenkeln. Die Chinesen hatten das wohl geahnt, denn auch hierfür gab es ein paar wertvolle Tipps.

“Zünden mit kubanische Zigarre”, begann die Passage mit einer Reminiszenz an die politischen Gesinnungsfreunde aus der Karibik, “nur, wenn beachten kleine Sicherheitshinweis. Nach setzen Feuer an Lünte (Anm. d. Autors: Ist mir ein Rätsel, wie das amerikanische Übersetzungsprogramm der Chinesen ausgerechnet hier ein “Ü” einflickte), nehmen rasch Reißaus 100 Meter. Bis Explosion 10, 0 Sekunden.”

Dieser Hinweis hat mich nachdenklich gestimmt, nicht aber mutlos. Es waren noch zwei Tage Zeit bis zum Jahreswechsel und bei Facebook musste doch jemand zu finden sein, der… Vielleicht sogar ein Kubaner. Dayron Robles beispielsweise kann 110 m Hürden nachweislich deutlich unter 13 Sekunden laufen, da sollte auch die nächtliche Feuerwerksaufgabe lösbar sein. Aber Robles ist nicht bei Facebook. Dafür aber Merlene Ottey. Sie kommt zwar nicht aus Kuba, sondern von der Nachbarinsel Jamaika; aber sie wäre für einen Silvesterabend in Schweinfurt freilich eine willkommene Bereicherung. Von einem Farbtupfer möchte ich in ihrem Zusammenhang lieber nicht sprechen, wenngleich ihre Fingernägel stets…

Merlene Ottey kann 100 m nicht in zehn Sekunden laufen und sie konnte das auch damals nicht, als sie bei Weltmeisterschaften noch mehrfach für eine Goldmedaille gut war. Bei Facebook hat sie übrigens 12.307 Follower. Plus einen, jetzt. Ihr Landsmann Usain Bolt ist der schnellste Mann der Welt. Er hat 5.728.215 Follower. Zum Internationalen Stadionfestival ISTAF in Berlin kam er heuer leider nicht – für 300.000 Dollar wollten ihn die Veranstalter dann doch nicht haben. Aber vielleicht kommt er zur Silvesterknallerei nach Schweinfurt, an die Eselshöh? So von Facebook-Freund zu Facebook-Freund? Sein kleiner Sprint von der eben entzündeten Feuerwerksbatterie hinter die 100 m entfernt gelegene Mülltonne könnte ein Highleight des Jahreswechsels 2011/2012 in Schweinfurt sein.

Um es kurz zu machen. Er kommt nicht, der Herr Bolt. Ich muss das selbst erledigen, denn so ganz unentzündet möchte ich mein sündhaft teueres Feuerwerk natürlich auch nicht lassen. Als ich jung war, konnte ich 100 m in etwa 11,3 Sekunden laufen. An guten Tagen, mit Spikes und Rückenwind auf einer perfekten Tartanbahn. Und heute? Wir werden sehen. Ich sag’ schonmal “Adieu 2011″. Und auf ein Neues in 2012. Vielleicht.

Aus Liebe zum Menschen

21. Dezember 2011

Carsten Maschmeyer ist nicht mein Freund. Egon Geerkens auch nicht. Ob ich die beiden sympathisch finde und gerne ihr Freund wäre, steht dabei noch nichtmal zur Debatte. Denn sie wollen nicht meine Freunde sein. Ich bin zu uninteressant, passe weder in ihre Welt des Geldadels noch könnte ich ihnen in irgendeiner Hinsicht nützlich sein. Gleiches galt für Christian Wulff, einem Kind aus vergleichsweise einfachen Verhältnissen – bis er aufstieg zum politischen Hoffnungsträger der CDU in Niedersachsen und 2003 gar zum Ministerpräsidenten gekürt wurde. Wer so ein Amt innehat, erbt von seinem Vorgänger offenbar nicht nur den Schreibtisch, sondern auch die Freunde, wie eben den Herrn Maschmeyer.

So richtig gute, enge Freunde – und wer mag daran zweifeln, dass Carsten Maschmeyer, Egon Geerkens und Christian Wulff das über die vielen Jahre, gefühlte Jahrzehnte geworden sind – helfen sich schonmal, wenn es eng wird. Da leiht man sich ein halbes Milliönchen oder schaltet für gut 40.000 Euro eine Anzeigenkampagne, weil das unter Freunden eben so ist und man sich auch keine Gegenleistung erwartet. Schließlich mag man nicht den Mnisterpräsidenten, sondern den Menschen Wulff, so wie man vorher auch den Menschen Gerhard Schröder gemocht und unterstützt hat. Was Menschen angeht, scheinen die Maschmeyers dieser Welt nicht wählerisch zu sein…

Der Wulffi, wie ich ihn einmal freundschaftlich nennen möchte, muss nicht zurücktreten. Er müsste zurückgetreten werden – von allen, die es nicht nötig haben, sich bei den Reichen und Einflussreichen anzubiedern und so unter dem Deckmantel der Freundschaft ein Netzwerk der Günstlingswirtschaft zu knüpfen. Wenn man so etwas fordert, schadet man auch nicht dem Amt, wie Wulffs anderen Freunde, die politischen, behaupten. Ich habe nichts gegen das Amt. Aber gegen den Menschen, der es eigentlich nicht verdient hat und nun nicht mehr hergeben möchte, habe ich sehr wohl etwas. Mit Verlaub.

Soko Leipzig

20. November 2011

Die Chance war größer denn je an diesem Freitagabend um kurz vor Zehn. „Hajo“ Trautzschke hatte irgendwie kein Gefühl mehr in den Fingern, sollte aber eine Bombe entschärfen, indem er einen ganz bestimmten Draht durchzwickt. Sein Kollege Jan Maibach eilte hinzu, die Sekunden verrannen und ich dachte: Jetzt ist es so weit. Jetzt geht die ganze Mischpoke hoch, schade zwar um Hajo und Jan, aber es ist ja nur ein Film, besser gesagt eine Serie, eine, die nach zehn unsäglich langweiligen Fernsehjahren endlich zu Ende geht…

Ich hätte es allerdings wissen müssen. Natürlich erfühlte Jan den richtigen Draht, kurz vor dem großen Knall machtes es “Klick” und alle atmeten erleichtert auf. Schade. Ich hätte Soko Leipzig in guter Erinnerung behalten. Nicht wegen der bisherigen Folgen, sondern wegen des starken Abgangs. Das wäre es doch mal gewesen, wenn in einem deutschen Krimi plötzlich die beiden Hauptdarsteller hätten abtreten müssen, unvermittelt, unerwartet, unerhört? Einfach so, ohne quälendes Vorspiel, ohne langes Siechtum, Peng, eine Bombe geht hoch, zwei Kommissare waren nicht vorsichtig genug, aus und vorbei…

Mag sein, dass das dem einen oder anderen zu roh klingt. Aber hat es nicht auch Charme? Den Krimi einmal nicht so vorhersehbar enden lassen, die Guten mal nicht siegen, die Bösen mal nicht verlieren zu lassen? Ganz so, wie allzu oft im richtigen Leben? Oder brauchen wir das tröstende Ende nach einer knappen Stunde mehr oder weniger packender Action, weil wir es tagsüber nicht hatten? Ist es möglicherweise das Trostpflästerchen, das uns vom ZDF verabreicht wird, bevor wir im nachfolgenden Heute Journal wieder mit der Realität konfrontiert werden?

In der Realität, das wissen wir, tauchen dunkle Geheimdienstgestalten zufällig immer dort auf, wo wirre Neonazis Jagd auf Ausländer machen. In der Realität lassen rechte Kriminelle mitten in der Kölner Innenstadt Nagelbomben einfach hochgehen und kein Hajo ist da, um irgendeinen Draht durchzuzwicken. In der Realität verhindern Verfassungsschützer, dass Verbrecher geschnappt werden, bevor sie noch mehr Unheil anrichten – und sie pumpen Geld in einen braunen Sumpf, den sie über V-Leute zu kontrollieren glauben.

Wer schreibt eigentlich die Drehbücher zu Soko Leipzig? Ich hätte da ein paar Anregungen. Eine Dönerbude spielt dabei eine Rolle, eine türkische Familie – Mann, Frau, drei freundliche Kinder – die diese betreibt. Deutsche Gäste spielen dabei eine Rolle, die sich Döner und türkische Pizza schmecken lassen.  Zwei rechte Chaoten sind dabei, die eine Nagelbombe bauen und diese in der Dönerbude verstecken. Und ein V-Mann, der das ganze beobachtet. Als die Bombe hochgehen soll, machen die Betreiber eine Stunde früher Feierabend – irgendeine Familienfeier.  Die beiden Neonazis schauen nach ihrer Bombe, der V-Mann kommt dazu, will sie entschärfen, bevor sie “ganz umsonst” hoch geht, zwickt den falschen Draht durch und… Das wäre mal ein Ende ganz nach meinem Geschmack.

Pinkelgroschen

25. Oktober 2011

Wenn ich im Wirtshaus sitze und so mein Bier trinke, manchmal auch ein Wasser, kommt es vor, dass ich dieses dringende Bedürfnis bekomme. Ich begebe mich also an das entsprechende Örtchen und verschaffe mir Erleichterung. Weil ich dem Wirt in der Regel ein teurer und treuer Gast bin, würde es ihm sicher niemals in den Sinn kommen, mir für diesen Service auch noch Geld abzuknöpfen. Denn schließlich muss, was oben reingurgelt, unten wieder rausplätschern – das ist ein Naturgesetz und dient letztlich der Schaffung neuer Aufnahmekapazitäten. So weit so gut.

Die Stadtgalerie Schweinfurt preist ganz gerne auch ihr vielfältiges kulinarisches Angebot an und ist tatsächlich mit einer Reihe von Asiaten, Fast-Food-Ketten, Backshops und Pizzerien ordentlich bestückt. Zum Essen wird auch hier gerne etwas getrunken und selbstverständlich ergeht es den Gästen im Shoppingpalast nicht anders, als dem “normalen” Wirtshausbesucher: Die große Apfelschorle oder auch der Pott Kaffee wollen nach einer Weile entsorgt werden (eigentlich sollte man sein Getränk bis zu zwei Stunden halten können; aber wenn man nun schon mit halbvoller Blase ankommt…).

Man begibt sich also auf den langen Marsch zu den zentral gelegenen Toilettenanlagen und trifft auf ein freundliches Weiberl oder Manschgerl, das einem erwartungsfroh entgegenlächelt. Dazu kaum zu übersehen eine Schale mit etwas Klimpergeld darin auf dem Sims und auch überm Urinbecken der nicht allzu dezente Hinweis, dass diese Anlagen so wunderbar in Schuss sind, weil die fleißigen Hände des Manschgerls oder Weiberls hier gut behandschuht ihren segensreichen Dienst verrichten.

Das ist übrigens auch in der nächsten Eckkneipe der Fall, aber deshalb würde der Wirt dort niemals auf die Idee kommen, seinen Gewinn aus dem Stammgeschäft – dem Verkauf von Speisen und Getränken – durch ein paar Pinkelgroschen aufzubessern. Die Stadtgalerie tut’s trotzdem, obwohl die rund 100 Händler und Gastronomen sich kostenlose saubere Toiletten für ihre Kunden wirklich leisten können sollten. Egal. Man muss da ja nicht pinkeln. Und auch nicht essen oder trinken…

Spanische Strandplörre

2. September 2011

“Hausgemachten Weißen und Roten” gibt es jetzt im lauschigen Biergarten des Schweinfurter Naturfreundehauses. Darauf weist ein Schild hin und das passt. Denn wo sonst könnte man eine deftig-fränkische Brotzeit entspannter genießen, als unter mächtigen Kastanienbäumen im Spätsommer des Jahres 2011 inmitten der schönen Stadt Schweinfurt? Doch halt – auf dem Schild steht noch mehr:

Werbetafel im Naturfreundehaus

Lust auf hausgemachten Weißen? Pech gehabt - hier gibt es leider nur Sangria... Foto Laschka

“Sangria 0,5 3,80″. Der Weiße und der Rote kommen hier also nicht wie erhofft aus der “Wurschtküch”, sondern werden in einem großen Glas oder vielleicht auch Eimer zusammengerührt. Außerdem sind sie flüssig und nicht fest und wohl auch mit allerlei bunten Früchten angereichert. Es soll ja Leute geben – ich zähle mich zu ihnen -, die in ihrem Leben noch niemals Sangria getrunken haben. In meinem Fall ist das so, weil ich die große Zeit der Bowlen und sonstigen Panschereien spätestens seit dem Tod von Heinz Rühmann im Jahr 1994 für beendet halte.

Was mag nun einen Schweinfurter Biergartenbetreiber dazu bewegen, seinen Gästen die spanische Strandplörre anzubieten und auch derart anzupreisen? Ich habe – nicht allzu lange – darüber nachgedacht und bin zu dem für mich einzig schlüssigen Ergebnis gelangt: Es handelt sich um eine Marketingmaßnahme. Nicht etwa für den Biergarten, das wäre ja widersinnig, sondern für den dort ausgeschenkten Gerstensaft des Schweinfurter Brauhauses.

Und der Dreh ist auch ganz einfach: Das Pils oder auch das hier ausgeschenkte Lager vom Brauhaus mag schmecken wie es will; es hat in Schweinfurt ein massives Imageproblem. Muss es nun im Wettstreit der Biere gegen die anderen heimischen Brauereien antreten, zieht es meist den kürzeren – zuletzt beim Ausschank am “Platz des Bieres” im Rahmen des Schweinfurter Stadtfestes, wo die Schlangen vor den Ständen des Hauseners Ullrich Martin oder der Schweinfurter Brauerfamilie Borst lang waren, rund um den Stand der “Blauen” aber gähnende Leere herrschte.

Im Naturfreundehaus misst man sich nun also mit anderen Gegnern – “Sparringspartnern”, wie das im Sport heißt. Möchten Sie rote Sangria, weiße Sangria oder ein frisch gezapftes, gut gekühltes Brauhaus Bier vom Fass? Geben Sie sich die Antwort gerne selbst…

Apropos Naturfreundehaus. Mit Freuden erinnere ich mich in diesem Zusammenhang immer an den Freud’schen Versprecher einer früheren Moderatoren-Kollegin bei TV 1; sie hatte eine Veranstaltung ebendort mit dem Hinweis angekündigt, diese fände im Schweinfurter Natur-Freudenhaus statt. Ein Fall für die Sittenpolizei?

Und noch ein Bonmont: Aufbaugegner sucht sich das Brauhaus nicht nur vor dem Schankfenster des Naturfreundehauses, sondern auch im Bereich des Sponsoring. Während die Rot(h)en seit Jahr und Tag Gold-Werbepartner des Schweinfurter Eishockey-Bayernligisten Mighty Dogs sind, stiegen die Blauen nun groß ein beim Landesligisten Kissinger Wölfe. Böse Zungen sprechen hier von “freiwilliger Selbstdemontage”.  Zumindest im sportlichen Bereich ist die Rangfolge vorerst geklärt…

Anorak

18. August 2011

Immer wieder stoße ich im Straßenverkehr auf diesen Schriftzug: “Testen Sie den neuen Nissan Anorak.” Aufgebracht auf einem Fahrzeug, das aussieht, als wäre es direkt aus einer der letzten Dallas-Folgen nach “good old Germany” verschifft worden. “Keiner kauft heute mehr Anoraks”, denke ich mir dann, weiß inzwischen aber sehr wohl, dass die Schüssel nicht Anorak heißt, sondern Amarok. Was denken sich diese Marketingfuzzys eigentlich?

Früher hießen unsere Autos Käfer und sahen genau so aus. Oder sie hießen Kadett und sahen aus wie… Na ja, lassen wir das. Aber heute heißen die Autos eben Anorak – Verzeihung, Amarok – oder M5 (BMW) oder A3 (Audi) oder DS5 (Citroen). Mein Auto heißt Santa Fe und ich dachte lange Zeit, das garantiere besondere Kletterfähigkeiten, weil die gleichnamige US-Stadt in New Mexico weit über 2.000 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Aber es klettert eher behäbig, ist dafür sehr durstig und bei jedem Kundendienst durchaus willig, das Verschleißpotenzial weidlich auszuschöpfen.

Doch zurück zu Autonamen. Was macht eigentlich der Beetle? Jenes kugelrunde Fahrzeug der guten alten Autoschmiede Volkswagen, das aus irgendeinem Grund nicht mehr Käfer heißen durfte, obwohl es genau so aussah, sondern Beetle heißen musste, weil das alle Welt versteht, nur der deutsche Durchschnittskäufer nicht (jener Kunde, der in den Siebzigern und Achtzigern zig Millionen des Vorgängermodells orderte)? Er ist bestimmt ein Wahnsinns-Verkaufsschlager, weil ja jetzt alle Welt weiß, was sein Name bedeutet. Und tatsächlich: 2011 wurden in Deutschland schon fast 300.000 Beetles zugelassen – Chapeau!

Ich wüsste schon ein paar Autonamen, die das Fahrzeuggeschäft wieder ankurbeln könnten. BMW Donner zum Beispiel oder Opel Blitz (ja, ja, ich weiß – das Logo…). Dann natürlich VW Genießer oder Mercedes Komfort. Und: Porsche 500 Ruhe sanft. Wobei hier 500 einen Hinweis auf die PS-Zahl liefern sollte und Ruhe sanft für das steht, was dem ersten Autobahnausflug unweigerlich folgt…

Der Kachelmann, die Unwetterzentrale und der verhinderte Weinfestbesuch

17. Juli 2011

Der Kachelmann ist schuld. Ob er auch schuldig ist im juristischen Sinne, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber schuld ist er in jedem Fall – daran, dass unzählige Sommerfeste kurzfristig abgesagt werden müssen, Grillpartys sprichwörtlich ins Wasser fallen oder Jahrmarkt-Beschicker urplötzlich völlig vereinsamt vor ihren Kettenkarussells stehen. Nein. Kachelmann hat nicht das Wetter manipuliert, so gewieft ist er nun doch nicht. Aber er hat die Unwetterzentrale erfunden.

Das Prinzip der Unwetterzentrale ist einfach. Über einer Deutschlandkarte wird ein farbspektrales Netz ausgebreitet, das zwischen grün und rot changiert, im Extremfall sogar violett, aber wir sind ja nicht die USA. Grün, das bedeutet: Alles O.K., Du kannst den Picknick-Korb packen, dich aufs Radl setzen und hinaus ins Grüne strampeln. Es wird ein herrlicher Tag… Gelb, das heißt: Obacht geben; möglicherweise führen lokale Wetterphänomene oder globale Wetterverschiebungen dazu, dass eine einsame Windhose heute Nachmittag durch Deine Straße zieht. Überlege Dir lieber zweimal, ob Du noch um die Ecke zum Zigarettenautomaten musst und wenn, dann bitteschön nur im Ostfriesennerz, mit Gummistiefeln, Regenhut und -schirm.

Und Rot? Bei rot ist die Sache klar: Es wird stürmisch, mindestens “mit örtlichen Orkanböen”, außerdem regnerisch, vielleicht sogar “mit Starkregen und lokalem Hagelschlag”, im Winter wird es glatt, weil “Blitzeis und Schneeverwehungen” unsere Straßen und Wege unpassierbar machen. Freilich: In aller Regel kann sich der Durchschnittsdeutsche darauf verlassen, dass er bei Gelb den drohenden Gewitterschauer seelenruhig im erstbesten Bushäuserl vorüberziehen lassen und anschließend immer noch im nächst gelegenen Baggersee baden gehen kann. Und auch Rot bedeutet bei uns nicht gleich, dass Autos oder ganze Holzhäuser von wütenden Hurrikanen durch die Lüfte getragen werden oder zwischen Opferbaum und Essleben binnen weniger Stunden meterhohe Schneewächten den Verkehr blockieren.

Deutschland ist kein Land der Wetterextreme, auch wenn Kachelmanns Wind- und Wetterfirma Meteosat orakelt, dass “die zunehmende Zahl extremer Wetterereignisse eine zuverlässige Unwetterfrüherkennung und rechtzeitige Veröffentlichung von Warnungen unverzichtbar” mache. Und dennoch glauben die Menschen den geschäftstüchtigen Klimaapokalyptikern und bleiben eben zuhause hinter notdürftig vernagelten Fensterläden, sobald die fein untergliederte Deutschlandkarte im Internet oder abends vor der Tagesschau vom Grünen ins Gelbe changiert.

Früher war das anders. Man saß gemütlich bei einem Weinfest beisammen und beobachtete zunächst interessiert, dann zunehmend gespannt die sich in der Ferne aufbauenden Gewitterwolken vom Typ Cumulonimbus. Dann vertrieb man sich die Zeit mit Prognosen und Wetten: “Das zieht vorbei….” – “Quatsch, das erwischt uns in einer halben Stunde.” – “Ich hab’ mitgezählt; sechs Sekunden vom Blitz bis zum Donner, das ist nur noch zwei Kilometer entfernt.” – “Das war kein Donner, das war Stefan, dem ist der Gerupfte nicht bekommen, ha, ha, ha!” – “Bis das da ist, bin ich schon zuhause…”

Tatsächlich war dann aber noch niemand zuhause, wenn die ersten dicken Regentropfen auf die Festgesellschaft hernieder gingen und heftige Böen Gänsehaut auf die Haut zauberten. So langte man also kräftig zusammen, spannte notdürftig eine Plastikplane von Sonnenschirm zu Sonnenschirm, holte Decken und Badetücher aus dem Auto, um sich darin einzuwickeln und rückte enger zusammen, wobei so manche spätere Liebesgeschichte hier ihren Ausgang genommen haben soll…

Wie gesagt – so war das damals. Heute kommt es gar nicht mehr so weit. Wer in nostalgischer Verklärung guten Mutes am Sonntagnachmittag zum nächsten Weinfest pilgert, ohne vorher kurz die Unwetterzentrale und Facebook konsultiert zu haben, steht dort unvermittelt vor verschlossenen Türen mit einem schlampig dahin gekritzelten, querformatigen Din-A-4-Schild darauf: “Fest fällt aus wegen Unwetterwarnung!” Schade denkt man sich, blickt in den strahlend blauen Himmel, hört die Vöglein fröhlich zwitschern und sucht gesenkten Hauptes den nächsten Biergarten auf, wo man bei zwei, drei Maß Bier mutterseelen alleine und vom mürrischen Wirt argwöhnisch beäugt gnadenlos versumpft. Der Kachelmann ist schuld.

Im Spa

10. Juli 2011

Der Besuch im Spa war lange überfällig; zu viele Freunde hatten uns schon vorgeschwärmt vom Erholungswert dieses “Kurzurlaubs zuhause” und es war fast unerträglich, dass wir nicht mitreden konnten. Jetzt, da das Spa die Sonderaktion “2 für 3″ gestartet hatte – zahle zwei, bleibe drei Stunden – hielten wir den Zeitpunkt endlich für gekommen.

So ein Spa hat heutzutage immer ein gutes Feng Shui, alles ist rund und fließend, damit das Chi ohne jeden Widerstand durch den Raum schweben kann und sich nicht an irgendeiner Ecke oder Kante stößt. Früher waren Schwimmbäder kubisch, die Wasseroberfläche rechteckig und 25 Meter lang, damit man die absolvierte Schwimmdistanz exakt messen kann; aber schwimmen soll man heute ja nicht mehr – man badet.

Und zwar in wahlweise 32, 35 oder gar 38° Celsius warmem Solewasser, auf dem man sich rücklings schwebend dahintreiben lassen kann (nein, ich kann das nicht, aber andere, voluminösere Körper…) und völlig eins ist mit sich und dem salzigen Wasser in seinem Gehörgang. So treibt man nun also eine Weile dahin und behält die Uhr im Auge, weil man die einzelnen Anwendungen (so heißen die Badebesuche in den verschiedenen Pools) nur maximal 15 Minuten durchführen soll, wobei diese schon viel zu lange sind, denn der Sekundenzeiger schleicht dahin wie Michael Schumacher seit seinem Formel-1-Comeback und der Minutenzeiger scheint festgeschweißt.

Auf der Suche nach Zerstreuung verlässt man also das Becken und begibt sich in die rückwärtigen Bereiche des Spas, wo man viel lernen kann. Etwa über indische Farblichttherapie, bei der man in einem (natürlich) runden Bunker auf sandigem Boden liegt und eine halbe Stunde lang mit sphärischen Klängen berieselt und Lichtwellen unterschiedlicher Intensität bestrahlt wird. Das Ambiente ähnelt zwar mehr der texanischen Wüste, insbesondere wegen der zahllosen Kakteen-Atrappen aus Plastik, die im groben Wüstensand stecken, aber was will man erwarten, gut 6.000 Kilometer Luftlinie von Indien entfernt – da kann sich schon mal der eine oder andere Übermittlungsfehler einschleichen…

Was man außerdem lernt: Kleine Extras kosten Extrageld – das Zauberwort heißt “aufbuchen”. Jetzt endlich versteht man, was es mit dem kleinen Plastikchip auf sich hat, den man seit dem Eintritt ins Bad ums Handgelenk trägt und der hier die Funktion einer Kreditkarte erfüllt. Mit dem “plastic money” verschafft man sich Zutritt zur Farblichttherapie (vier Euro) ebenso wie zur Moorschlammanwendung (sechs Euro, wobei man sich selbst einsuhlen muss – Personal ist bei dem Preis leider nicht mit drin…) und kauft sich einen Grüntee oder ein stilles Wasser. Abgerechnet wird am Ausgang, ha, wir werden ja sehen…

Herzstück eines jeden Spas ist natürlich die Saunalandschaft oder Saunawelt, wobei per definitionem wohl alles bis acht Saunahäusern unter dem Oberbegriff “Landschaft” subsumiert wird, darüber beginnt die Welt. In meinem Spa nannte sich das ganze Saunapark, hatte aber durchaus Weltcharkater mit so unterschiedlichen Erlebnisschwitzbuden wie der Erdsauna, der Gartensauna, der Lodgesauna, der Biosauna, dem römischen Dampfbad und und und. Was auffällt: All’ die adretten Menschen mit ihren wohlgeformten Körpern, die einem vom Prospekt entgegen lächelten, sind entweder schon gegangen oder müssen noch kommen. Stattdessen trifft man hier auf die erstaunlichsten Figuren, wobei hinsehen verpönt ist, obwohl sich alle nackt bewegen.

95° Celsius hat es in meiner Erdsauna, in der ich es mit Müh’ und Not zehn Minuten lang aushalte, ehe ich kalt, sehr kalt brause und mit einem beherzten Satz in das Abkühlbecken springe – ein Fauxpas, der mir im Folgenden die Kommunikation mit meinen Schwitzgenossen unmöglich machen sollte.

Egal. Meine drei Stunden sind sowieso schon fast vorbei, eilig springe ich unter die Dusche, tapste zu den Umkleiden, zwänge meine noch nassen Füße in zuvor trockene Socken, ärgere mich darüber, dass dieses erstklassige Spa im Gegensatz zu meinem drittklassigen Solarium nicht über eine Minimalausstattung an Pflegeprodukten verfügt und verschwinde in Richtung Ausgang. Zwölf Euro hatte ich beim Hineingehen bezahlt, 14 werde ich nun beim Verlassen los, alles in allem ein entspannter Nachmittag, Urlaub zuhause eben, das werde ich all’ meinen Freunden erzählen, insbesondere denen, die noch nicht da waren…

Modesünden

14. Juni 2011

Die Vorteile des Sommers liegen ja auf der Hand: Luftig gekleidete Damen, die nicht mit ihren Reizen geizen, flanieren durch Fußgängerzonen und Parks und goutieren ein aufrichtiges Kompliment mit einem freundlichen Lächeln. Die Nachteile sind leider ebenso offensichtlich: Ältere Herren aus dem Krampfadergeschwader sind sich nicht zu Schade, große Teile ihrer unansehnlichen Gehwerkzeuge öffentlich zu entblößen, in Straßencafés ungeniert übereinander zu schlagen und dabei noch kaum nachvollziehbares Selbstbewusstsein auszustrahlen.

Dabei hat eine der größten Modesünden für Herren mittlerweile – Gott sei Dank – ihren Zenit bereits überschritten. Die 3/4- oder Caprihose gibt’s zwar noch bei Otto oder Neckermann im Onlineshop, keinesfalls aber in trendigen Boutiquen oder seriösen Modehäusern und – vor allem – never ever for men! Es war mir immer schon ein Rätsel, wie sich das vermeintlich starke Geschlecht in diesen halblangen Clownshosen freiwillig zum Affen machen konnte. Und das nicht etwa nur auf dem Weg zum nächst gelegenen Baggersee, sondern im Alltag, bei Bedarf auch gerne im Großraumbüro oder der Amtsstube. Die stacheligen Waden blitzen käseweiß unter dem Hosenbein hervor, in den Sandalen stecken füßlingsbesockte Quadratlatschen…

Die Krönung modischer Geschmacklosigkeiten ist indes die ultrakurze Altherrenjeans, die schon knapp unterhalb der Leistengegend endet und somit mehr Bein zeigt, als der kürzest denkbare Minirock. Gerne trägt Opi sie mit einer dicken Beule im Schritt, die entweder natürlichen Ursprungs ist, oder von gebrauchten Taschentüchern, Schlüsselbunden oder Flaschenöffnern in den vorderen Taschen herrührt. Besonders apart wird es, wenn es gilt, den Sattel eines Fahrrades zu erklimmen und die halbe oder ganze Wahrheit im gespreizten Schritt ans Tageslicht kommt…

Derlei Anblicke wecken in mir eine tiefe Sehnsucht nach Italien, das uns in vielerlei Hinsicht nicht unbedingt als vorbildlich gelten muss, in Fragen der Mode aber doch. Ein Italiener trägt stets – ich betone: stets – mindestens eine lange Hose und ein Hemd. Ein T-Shirt mag der ungestümen Jugend vorbehalten sein, dem mittelalten Freigeist sei ein markenbewusstes Polo-Shirt gegönnt. Aber der Grande Signore verlässt sein Haus niemals ohne Hemd und lange Hose. Selbst die Bermuda Short, der einzige tragbare Kurzhosenkompromiss für Männer, ist in Italien verpönt und wird allenfalls als Badehose akzeptiert.

Anders auf den Bermudas, wo der knielange Klassiker bekanntlich herkommt. Dort ist die  Bermuda Short – kombiniert mit Kniestrümpfen, Hemd, Jackett und Krawatte – sogar offiziell als Arbeitskleidung für Staatsdiener akzeptiert. Die männlichen Kurzhosen- und Hotpants-Freunde hierzulande arbeiten allerdings in überwiegender Zahl schon lange nicht mehr. Sie verderben uns lediglich den sommerlichen Stadtbummel durch den bloßen Anblick ihrer geschmacklosen Beinkleider und der schamlos unbedeckten Schenkel…

Hier schreibt:
Holger Laschka Lic.rer.publ
Vollblut-Journalist und "Halbblut-Unternehmer"
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