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Schilderwald

10. September 2010

Unterrichtungstafeln werden die braunweißen, großformatigen Hinweisschilder entlang den deutschen Autobahnen genannt, die auf touristisch interessante Ziele ebenso hinweisen können, wie auf historisch bedeutende Ereignisse und Vorgänge, die just an jenem Ort, den man eben im gemütlichen Reisetempo von 180 km/h passiert, stattgefunden haben. Früher waren sie eher rar gesät und man wusste, dass man hier dankenswertwerweise tatsächlich auf etwas Großes, Bedeutungsvolles aufmerksam gemacht wurde, renkte die Hälse von hinten durchs Schiebedach, etwa auf der A3 kurz hinter Regensburg (laut Hinweistafel UNESCO Welt-Kulturerbe), wenn eine stilisierte Walhalla weiß auf braunem Hintergrund erstrahlte und man diese leibhaftig auch irgendwo dort drüben am gegenüberliegenden Donauufer ausmachen konnte.

Dann irgendwann kamen findige regionale Tourismusmanager auf die Idee, diese prestigeträchtigen Werbeflächen auch für ihre kleinen aber feinen Preciosen des deutschen Fremdenverkehrs zu nutzen und es wurden also auch Tafeln aufgestellt, die den vorbeifahrenden Polen, Tschechen oder Rumänen an der A70 von der ruhmreiche Stadt Schweinfurt kündeten, verbunden mit dem vielsagenden Slogan “Industrie und Kunst”, sodass der gemeine Osteuropäer unverzüglich in die Bremseisen stieg und die Ausfahrt Gochsheim/Sennfeld ansteuerte um über unsere erhabene Maxbrücke direkt auf das “MGS” zuzustreben und ebendort in der Tiefgarage seine Parkgroschen  zurückzulassen, oben die spitzwegerichen Gemälde zu bewundern, anschließend beim Beuschlein noch einen Radio zu kaufen und sodann über die imposante, weil industriegeschichtlich ihresgleichen suchende, südöstliche Stadtausfahrt (ugs.: Ernst-Sachs-Straße) wieder gen Autobahn zu lenken.

So eine Stadt ist aber bekanntlich im Wandel und hätte es Unterrichtungstafeln bereits vor 20 Jahren gegeben, wäre auf der Schweinfurts vielleicht der Slogan “Herz der Wälzlagerindustrie” gestanden und Mitte der Neunziger dann “Herzinfarkt der Wälzlagerindustrie” oder so. “Industrie und Kunst” ist deshalb als Schweinfurter Autobahnmotto zwar noch aktuelle Realität, eigentlich aber auch schon wieder Vergangenheit denn im April wurden – noch unter Regentin Gudrun I. – die überarbeiteten Tafeln stolz präsentiert, mit neuem Slogan “Reichsstadt – Industrie – Kunst”, die – so hieß es damals – “im Mai montiert werden”, fragt sich nur, ob 2011 oder 2012. Währenddessen haben sich unsere reichsdörfischen Nachbarn aufgeschwungen und selbst ein Plätzchen an der A70 erobert. “Gochsheim und Sennfeld – Kaiserlich freie Reichsdörfer” steht dort für Jedermann zu lesen und man denke nur wieder an den neugierigen Rumänen, der die einschlägige Ausfahrt ansteuert, zielstrebig auf Sennfeld zu-, hindurch- und wieder hinausfährt; “War da was?” Ach ja – das Reichsdorf vor der Reichsstadt mit dem berühmten Museum… 

Manchmal haben solche Schilder aber auch etwas wirklich Lehrreiches; in Buttenheim etwa, das am so genannten Frankenschnellweg zwischen Kilometer 112,7 (Hinweistafel “Fränkische Schweiz”) und Kilometer 118,0 (Hinweistafel “Forchheim – Fränkische Königsstadt” – kombiniert mit Zusatzschild “Metropolregion Nürnberg”) bei Kilometer 112,9 avisiert wird. Dort liest der staunende Reisende en passant: “Buttenheim – Geburtsort Levi’s” und rätselt bis fast nach Nürnberg, um welchen Levi es sich dabei wohl gehandelt haben mag oder auch noch handelt, so er denn noch unter uns weilt. Letzteres tut er jedoch nicht; er wurde am 26.2.1829 als siebtes Kind des Hausierers Hirsch Strauss in Buttenheim geboren und starb am 26.2.1902 mutmaßlich in San Francisco. Dazwischen erfand er die 501 und all’ die anderen Nummern, die heute stellvertretend für Blue Jeans der Marke “Levi’s” stehen – so ist es jedenfalls überliefert und wird in Buttenheim auch in einem einschlägigen Museum nacherzählt.

Das gefällt mir – man reist, schnappt etwas auf, googelt es geschwind auf dem iPhone nach und ist um einiges schlauer als vorher, ohne die Autobahn auch nur einen Zentimeter weit verlassen zu haben. Vielleicht auch eine Anregung für Schweinfurt. Und Ebern. Und Coburg. So eine Art A70/AA73-Quiz: “Schweinfurt – Geburtsort Rückerts”. Und: “Ebern – Zeugungsort der zehn Kinder Rückerts”. Und am Ende: “Coburg – Hier starb Rückert”. Ich befürchte nur, der uns allen wohl bekannte Herr Rückert, Orientalist und Dichter, wird es an Bekanntheit mit seinem Buttenheimer (Teil-)Zeitgenossen kaum aufnehmen können. Ein früherer Schweinfurter Tagblatt-Chefredakteur hätte an dieser Stelle seine eigenen Schlüsse g’stanzelt:

Ein hartes Brot ist leider – ach -
die Kunst und auch die Wissenschaft.
Bekannter wird man eben
durchs Hosenweben…

Ambivalenz

30. August 2010

War es Konstantin Wecker, der uns Deutschen allesamt die grundfalsche Geisteshaltung mitgab, als er seine musikalische Aufforderung “Sage nein!” formulierte? Oder haben uns seine Zeitgenossen, die anderen 68er, mental derart vergiftet, dass wir gegen alles und jeden sind, aber keineswegs mehr dafür? Stuttgart 21? Dagegen – auch wenn Kopfbahnhöfe wahrlich nicht mehr zeitgemäß sind und man als Befürworter des umweltfreundlichen Transportmittels Bahn eigentlich für jede Optimierung des Schienenverkehrs sein müsste.  Winterolympiade in Garmisch und München? Dagegen – auch wenn Garmisch seinen Aufstieg zu Deutschlands namhaftesten Wintersportort der Ausrichtung der Winterspiele 1936 und der vorausgegangenen Anlagenbautätigkeit verdankt und ein solcher Impuls auch jetzt wieder gut wäre für die Region. Oder lokal – Gesundheitspark? Dagegen – auch wenn wir uns freilich eine immer bessere medizinische Versorgung wünschen und deshalb eigentlich für ein zeitgemäßes Umfeld sein müssten. Schwimmendes Ronald Mc Donald Haus? Dagegen – weil diese sinnvolle und zudem wegen ihrer architektonischen Einmaligkeit noch attraktive Einrichtung gleichzeitig den Namen der weltgrößten Fast-Food-Kette trägt und man doch bitteschön nicht für diese werben wolle…

In Schweinfurt sind es Gott sei Dank nur ein paar verbohrte Krakeeler, die verzweifelt versuchen, mit ihrem destruktiven Protest die Stadtentwicklung zu behindern. Aber bundesweit gelingt es immer häufiger, dass visionäre Projekte verzögert oder gänzlich gestoppt werden, weil es um so vieles einfacher ist, dagegen zu sein, als etwas Großes auf die Beine zu stellen. Freilich: Dieselben Fortschrittsgegner laufen beflissen hinter ihrem Fremdenführer her, wenn er im Urlaub die beeindruckenden Pyramiden und Grabmale Ägyptens, die Amphitheater der Imperien aus Rom und Athen, die gewaltige chinesische Mauer, die antiken olympisches Stätten und was nicht sonst alles noch präsentiert. Wie hoch entwickelt die Menschen doch damals schon waren, wie klug ihre Architekten, wie durchsetzungsstark ihre Herrscher…

Ja damals… Antike Sklaverei, Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen, der landschaftliche Raubbau in vergangenen Zeiten, die Erniedrigten und Toten der Großbaustellen, die Prasserei der Machthaber und Enteignung der Bevölkerung durch horrende Steuern und Abgaben (auch bei den wunderschönen Schloss-, Dom- und Kathedralenbauten in unseren Breiten) – “quem juctum” (“wen juckt’s”) würde Lothar Matthäus sagen, wenn er vergleichbar gut Latein spräche, wie Englisch. Viele große Bauwerke, steinerne Nachweise vergangener Hochkulturen, wären nie entstanden, wenn schon damals die Nein-Sager ähnlich lautstark und ähnlich mächtig gewesen wären, wie heute.

Mitgefühl habe ich mit den Projektanten und Bauherren moderner, zukunftsweisender Vorhaben, die sich schon bei der Planung im Vorfeld mit immer mehr gesetzlichen Vorgaben und behördlichen Änderungswünschen herumschlagen müssen, dann – ganz gleich ob sie nur einen Geräteschuppen oder einen Großbahnhof errichten wollen – auf erbitterten Widerstand stoßen und erst nach dessen Überwindung mit der eigentlichen Mastersaufgabe beginnen können – der Vollendung ihres Werkes. Nur Mitleid habe ich übrig für die Verhinderer, die mit einer einzigen, kurzen Kraftanstrengung Widerstand organisieren und bündeln können und so die Entwicklung unserer Kultur und unserer Gesellschaft bremsen. 

Logo Pro Stuttgart 21

Ich bin dafür... weil Dagegensein so einfach und so destruktiv ist...

Wo sitzen die Bratwörscht?

25. August 2010

Im Urlaub lass ich mir das noch eingehen. Weil Kellner(in) und Gast sich schon rein linguistisch nicht verstehen und es unschicklich ist, mit dem Finger auf das gewünschte Gericht in der olivenölige Speisenkarte zu deuten, kramt man all’ seine Italienischkenntnisse zusammen und bestellt die Nummer “Venticinque”. Ein erleichtertes Lächeln erhellt das Gesicht des Bedienungspersonals; es hat verstanden: Saltimbocca alla romana… Die 27 hätte uns zwar mehr gereizt – Bistecca alla fiorentina mit Fritto die Porcini (T-Bonesteak mit gebratenen Steinpilzen), aber so weit reichten unsere italienischen Zahlenkenntnisse eben nicht.

Hier indes sind wir in Deutschland. Und Nummern haben bei der Bestellung von Speisen eigentlich nichts verloren. Weder als Kennummer für die Order – wie etwa im Schießhausgarten, wo uns fast im Sekundentakt dreistellige Abholzettelkennungen via Lautsprecher um die Ohren geschleudert werden und schon das Schwarzwild im Umkreis von rund zwei Kilometern darob verzweifelt Reißaus genommen hat; noch in anderen Gaststätten und Restaurants. Und doch passiert es immer wieder: Man bestellt sich einen Schweinebraten bayerischer Art mit Dämpfkraut und allem Pipapo – und die Kellnerin wiederholt geflissentlich: “Die 46…” Der ganze Tisch hat seine Wünsche geäußert und sie fasst zusammen: Dreimal die elf, einmal die 46, zweimal die 78 und zum Nachtisch zweimal die 110 – mit Sahne!”

Die Krönung kommt dann beim Servieren. “Wer hat die 78?” – “Könnte ich bitte nochmal die Speisekarte haben?” Eigentlich bin ich ja an diesem Abend gekommen, um fränkische Bratwürste mit Sauerkraut zu genießen – und zwei kühle Bier. Aber jetzt werde ich genötigt, Nummern auswendig zu lernen. Ein Wirt, der etwas auf sich hält, sollte zahlenneurotisches Personal unverzüglich feuern. Auch wenn eigentlich sein neues WLAN-taugliches Bestellungserfassungssystem Schuld an der Misere ist. Denn jedes Gericht hat eben eine Nummer und die muss in das Mobilteil des Kassensystems eingegeben werden. Mir ist das allerdings schnuppe – in der Galeria Kaufhof (ugs.: “Horten”) haben die abertausenden Produkte ja auch Artikelnummern und ich kann an der Kasse bezahlen, ohne von diesen auch nur den leisesten Schimmer zu haben…

Deshalb werde ich mich künftig von Lokalen mit Nummerntick – gleich welcher Art – fern halten; da nehme ich schon lieber die ebenso anzügliche wie lautstarke Frage des verzweifelten Kellners am Ende des Gastraums in Kauf: “Wo sitzen die Bratwörscht?”  – “Hier – und zwar mit extra viel Kraut und extrascharfem Senf!” Guten Appetit…

My home is my Privatrecht and my face also

16. August 2010

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als Google für seine Earth-Applikation Satellitenbilder unserer Häuser und Gärten zusammenstellte; unsere aufmerksamen Politiker machten uns seinerzeit auf die damit verbundene Problematik aufmerksam, dass Nachbarn, Neuierige, Neider oder auch gemeine Kriminelle plötzlich hinter unsere blickdichten Tujahecken oder in die Höfe unserer Atrium-Bungalows sehen, sich über unseren viel zu groß ausgefallenen Pool ärgern oder den Einbruch in der Urlaubszeit vorplanen könnten und endlich auch alle vormals versteckten schwarzen An- und Umbauten ans Tageslicht befördert würden. Wir legten dann alle Einspruch ein und deshalb weist die Google-Maps-Funktion im Satelliten-Modus ja auch so unendlich viele weiße Flecken auf… Oder war es so gar nicht? Wurden wir etwa alle ungefragt aus luftiger Höhe fotografiert, meine sperrigen Teakholzmöbel, die ich heute noch online betrachten kann, obwohl ich inzwischen auf weißen Nostalgielook umgestellt habe, der großzügige Jetpool im Garten des einen und die verdächtig aussehende Wasserlache auf dem Flachdach des anderen Nachbarn? Gewährt mir der Besitzer der schönen Hochdachterrasse auf dem Wohnpark Haardt etwa unfreiwillig Einblick in die ars vivendi über den Dächern Schweinfurts? Und warum haben wir da geschlafen? Ganz anders jetzt, bei Google-Streetview. Wir sind wach, hellwach! Fotografiert wird zwar ohnedies nur das, was wir Tag für Tag auf unseren Straßen sehen, wenn wir nicht gerade mit einem langen weißen Stock und schwarzen Punkten auf gelber Armbinde herumlaufen. Aber wo kämen wir da hin, wenn jeder einfach ein Foto machen könnte im öffentlichen Raum und das dann ins Internet stellen. My Home is my Privatrecht und my face also! Also schwing Dich, Google, von mir aus in luftige Höhen; dann kannst Du ja wieder alles von oben knipsen, vielleicht diesmal in noch etwas höherer Auflösung, weil mich die Figuren meiner Nachbarinnen mit oder ohne Bikini beim Sonnenbaden im Garten nämlich auch interessieren…

P.S. Wissen Sie eigentlich wie und wo Thomas Gottschalk wohnt? Google Earth weiß es: http://www.betrachter.de/k/so-wohnen-die-stars/ - oder planen Sie einen Anschlag auf das KKG? Google Earth hilft: http://www.betrachter.de/viewmap/id/1890/Kernkraftwerk%20Grafenrheinfeld/

Guten Rutsch…

6. August 2010

Lehrreiches über Wasserrutschen und Geographie erfuhr ich bei meinem gestrigen Besuch der Frankentherme in Bad Königshofen. In der Umkleide maßen einige junge Burschen verbal ihre Kräfte: “Wir fliegen jetzt in die Türkei in ein Fünf-Sterne-Hotel – da gibt’s irre Wasserrutschen!” Ein Anderer: “Wir fahren immer nach Erding ins Galaxy, da haben sie 16 Stück…” Und ein Dritter: “Wir sind heuer wieder in Italien und da gibt es die längste Wasserrutsche der Welt!” Doch der Erdinger gab noch nicht auf: “Kann nicht sein – in Erding gibt’s die längste Rutsche Europas und Italien gehört zu Europa.” Worauf der Italiener einlenkte: “…dann ist es eben nicht die längste, aber Arsch die lange…”

Für die Jungs war die Sache damit erledigt – für mich noch lange nicht. Wer hat denn nun die längste Wasserrutsche?  Erding liegt da schon ganz gut im Rennen; die “Magic Eye” ist stolze 356 Meter lang und lockt überdies mit zahlreichen Space-Effekten. Die Gesamtlänge aller Rutschen im Galaxy ist mit 1.400 m ebenfalls rekordverdächtig. Italien war als Tipp aber auch nicht so schlecht: Die “Titano Roller” in Rossano ist 276 Meter lang und – im Gegensatz zur Erdinger Konkurrenz, in der man auf großen Gummireifen durch die Röhre saust - eine reine “Körperrutsche”.

Bei Rutschen spielt bekanntlich aber nicht nur die Länge eine Rolle, sondern auch die Höhe oder besser gesagt der Höhenunterschied, der zwischen Start und Ziel das eigentliche Rutschvergnügen ausmacht. Und da sind deutsche und italienische Wasserrutschenarchitekten eher Langweiler im Vergleich zu ihren Kollegen jenseits des großen Teichs. 25 Meter überwindet Deutschlands höchste Körperrutsche im Brandenburgischen “Tropical Island”, die doppelte “Altitude” indes die – nicht ohne Grund auf den Namen Kilimanjaro getaufte – höchste Wasserrutsche der Welt im brasilianischen Rio de Janeiro. Und auf 36,5 Meter Höhenunterschied bringt es die “Summit Plummet” in Disney’s Blizzard Beach zu Orlando…

Zurück aber nach Bad Königshofen. Die vor diesem Hintergrund letztlich nicht ganz so riesige “Riesen-Wasserrutsche Black Hole” ist 65 Meter lang; das ist O.K. “für die Werktach”, wie wir Franken sagen, aber ich persönlich habe mir da schon ziemlich hart getan, auf Touren zu kommen. Ganz im Gegensatz zu einem der eingangs erwähnten jungen Rutschstrategen, der es für sein Alter dank Nucki Nuss und Coca Cola schon auf eine stattliche Verdrängung brachte und von dem mir berichtet wurde, er sei in Haßfurt beinahe einmal aus der Kurve getragen worden. Das geht dort, weil die Rutsche nach oben offen ist, die betreffende Kurve war aber Gott sei Dank überhöht. Wo wir gerade in Haßfurt sind: Die 127 m lange und wohl noch unbenamte Wasserrutsche dort gilt als eine der längsten Frankens. Auf alle Fälle ist sie der unangefochtene Spitzenreiter in der Region Main-Rhön, wo ansonsten noch die einschlägigen Einrichtungen des Silvana (85 m lang, 7,50 m hoch), des Bad Neustädter Triamare (94 m lang), des Geomaris (50 m lang) und des gediegenen Terrassenschwimmbads Bad Kissingen (85 m) auf die Rutschfans warten.

In meiner Jugend waren Wasserrutschen dieser Größenordnung noch eher die Ausnahme und ein Bad hatte in unseren Augen bereits einen erklecklichen Freizeitwert, wenn es über einen Sprungturm verfügte. Zehn Meter hoch ist der des Silvana mit einer prächtigen Aussicht auf Schweinfurt, gleiches gilt für den des Terrassenbades in Bad Kissingen (wobei man dort freilich nicht auf Schweinfurt blickt…). Die anderen bringen es “nur” auf fünf Meter, aber heute spielt die klassische Arschbombe unter Halbstarken auch nicht mehr die ganz große Rolle, das Hinterteil wird vielmehr (unbehost) als extraglatte Rutschfläche benötigt…

The world is my oyster

26. Juli 2010

Ferdo ist der Mann von Claudia Horvath aus Obereuerheim, die mit ihm gemeinsam jenes Hotel Esperanto im kroatischen Selce betreibt, über das ich schon geschrieben habe. Außer dem Hotel hat Ferdo auch ein Boot, was sein Leben ungemein bereichert und bisweilen auch das seiner Gäste. Bei meinem kurzen Blitzbesuch dieser Tage an der Adria war dieses Boot günstigerweise vollgetankt – mit Schiffsdiesel und auch mit Karlovačko, was bei einem Bootsausflug nie fehlen darf, weil man ja nicht weiß, wann man wieder festen Boden unter die Füße bekommt oder ob man möglicherweise von der kroatischen Bura in einer einsamen Bucht einer entlegenen Insel festgehalten wird, gegen seinen Willen, versteht sich und ohne Aussicht auf zeitige Rückkehr.

Ferdo fischt eine Auster.

Diese einsame Bucht war also schnell gefunden und in ihr türkisfarbenes Wasser über weißem Feinsand, untypisch für diese felsige Gegend und deshalb auch gut für Überraschungen. Denn auf lose verstreuten Gesteinsbrocken wuchsen einheimische Austern, die Ferdo geduldig abfischte (nur wenn sich um sie herum nichts bewegt, öffnen sich die Muscheln ein wenig und man kann schnell und unbarmherzig mit dem Tauchermesser zum Muskel vordringen). Weil die Auster im Laufe ihres Lebens an ihrem Untergrund gerne festwächst, gestaltet sich die Verkostung (natürlich roh, sofort, noch im Wasser und leider ohne Zitrone…) etwas kompliziert; dafür wird kaum jemand von sich behaupten können, diese Meeresfrucht schon frischer genossen zu haben…

Holger isst eine Auster.

An dieser Stelle kommt wieder das bereits erwähnte Karlovačko ins Spiel; möglicherweise gibt es dies auch lifestylish mit leichter Zitronennote, doch auch ohne diese eignet es sich hervorragend, um Salzwasser- und Muschelreste aus den Kiemen zu spülen. Ferdo trintk das auch, allerdings isst er keine Austern – er wird wissen, warum…

We shall overcome…

19. Juli 2010

Der Typ da neben mir im Göller-Biergarten ist pures Klischee; angegrauter Vollbart, sich abzeichnende Rundglatze, geräumige Ledergürteltasche am Hosenbund – und ein knallorangenes T-Shirt mit der Rückenaufschrift “International Youth Festival Nürnberg 2004″. Ich hab’ keine Ahnung, was da so los war, nehme aber an, dass er als Betreuer vor Ort war oder als Organisator oder eventuell als Leih-Opa. Jedenfalls sitzt er jetzt mit diesem T-Shirt neben mir, das gar nicht so abgegriffen aussieht, aber hoffentlich schon ein-, zweimal die Waschmaschine von innen gesehen hat und erzählt Anekdoten von damals und ich habe Angst, dass er plötzlich seine Gitarre auspackt und wir alle “We shall overcome…” singen müssen.

Ich summe es schon leise vor mich hin und gerate ins Träumen: Irgendwo ganz hinten, ganz unten in meinem Schrank, da müsste doch noch dieses witzige T-Shirt sein, das ich anlässlich meiner USA-Reise 1990 in San Francisco erworben habe: “Alcatraz-Triathlon – dig, dash, dive”.  Ob die kleinen Löcher im Stoff von Motten stammen oder das Material über die Jahre einfach müde geworden ist, weiß ich nicht; es hat auf jeden Fall heute noch das Zeug zum Lieblings-T-Shirt… so wie auch der verblichene Stofffetzen, der von meiner glorreichen Teilnahme am Deutschen Turnfest anno 1987 in Berlin zeugt.

Abhanden gekommen ist mir mittlerweile auf unerklärliche Weise das Original-Lauftrikot des “Santa-Monica-Track-and-Field-Clubs”, das bekanntlich Sprint-Star Carl Lewis immer trug, eines meiner großen früheren Idole; in Los Angeles habe ich verzweifelt nach diesem Club gesucht, aber die kannten in Santa Monica weder Carl Lewis, noch wussten Sie, was ein 100-m-Lauf ist, dafür gab’s Hantelbänke und Jungs mit dicken Muckis am Strand und Mädels mit dicken… Mmmmmhhhh – we shall overcome…

“Zahlen!” Der Mann in Orange klingt bestimmt. Die Gitarre hat er heute nicht dabei, außerdem nur Kleingeld einstecken – es reicht gerade für sein “Alkoholfreies”, er muss wahrscheinlich noch mit dem Auto gaaanz weit nach Hause fahren, nach Holland oder so. Adieu mein Freund, Adieu Jugend, kauf’ Dir mal ein neues T-Shirt, zum Beispiel beim nächsten Peter-Maffay-Konzert in München, dann sehen wir uns wieder irgendwann im Göller-Garten: “Peter Maffay & Band – Tour 2010 mit dem Volkswagen Philharmonic Orchestra”. Ich war dabei…

Von Kollege zu Kollege

12. Juli 2010

Wer kirchlich heiraten möchte, aber nicht standesamtlich, der kann dies seit Anfang 2009 in Deutschland tun. Er benötigt hierzu nur eine so genannte Unbedenklichkeitserklärung des zuständigen Ortsbischofs. Unbedenklichkeitserklärung? Ortsbischof? Soll der die allen Ernstes ausstellen – oder wir ihm diese? Was ist ein Papier wert, in dem ein ferner Bischof einem ihm nicht näher bekannten Paar das “Nihil Obstat” erteilt, mithin bescheinigt, dass einer Eheschließung aus seiner Sicht nichts im Wege steht? Verlässt er sich dabei eigentlich auf die Empfehlung des zuständigen Gemeindepfarrers, oder konkret gefragt, würde der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann in einem solchen Falle kurz mal bei seinem alten Spezl Roland Breitenbach durchklingeln, wie der denn die Sache sehe? Um anschließend genau das Gegenteil zu bescheinigen, weil er ja um dessen grundsätzlich schräge Sicht der Dinge weiß? Womit wir einigermaßen umständlich den Brückenschlag hinbekommen hätten von Standesamts-Verweigerern zur Causa Breitenbach, die in der letzten Woche die Schweinfurter Gemüter erregt hatte.

Nachdem er seine kirchlichen Vorgesetzten über die Jahre genügend gepiesackt hatte, man ihn  aber wegen des Erfolgs bei den Menschen, die ja letztlich die Kirche ausmachen, nicht loswerden konnte, sah man in Würzburg nun den Zeitpunkt gekommen, ihn an seine irgendwo festgeschriebene Pastorenpflicht zu erinnern, wonach er mit Erreichen des 75. Geburtstages (am 7. August 2010 ist es so weit…) dem Bischof seinen Rücktritt anzubieten hätte. Ha! Und den nahm man auch ohne Angebot schon einmal vorauseilend und sehr dankend an, verschacherte auch gleich die Breitenbach’sche Dienstwohnung an einen Nachfolger, der dort gar nicht einziehen wollte, machte nach allseitigen öffentlichen Protesten aber eine Volte rückwärts und jetzt darf Breitenbach zwar nicht Pfarrer, aber Mieter bleiben…

Dabei muss das Rücktrittsangebot des Pfarrers, wenn er noch mitten im Gemeindeleben steht und letztendlich auch dafür sorgt, dass Kirche, wenn schon nicht andernorts, dann wenigstens in Schweinfurt funktioniert, nicht zwingend auch angenommen werden. Im hessischen Eiterfeld etwa feierte die katholische Pfarrgemeinde St. Georg vor zwei Jahren mit ihrem Pfarrer Georg Möller dessen 80. (!) Geburtstag. Und: Das von Bischof Hofmann so vehement eingeforderte Rücktrittsangebot ist rein kirchenrechtlich nicht nur priesterliche, sondern auch bischöfliche Pflicht. Der Papst entscheidet; und er entschied zuletzt – etwa im Fall des Passauer Bischofs Wilhelm Schraml – darauf, das Rücktrittsangebot eben nicht anzunehmen. By the way: Der bekannte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner wird heuer 77 – vielleicht könnte Bischof Hofmann auch ihn einmal erinnern, dass es langsam Zeit würde? So von Kollege, zu Kollege… Dann würde ebendort (in Köln) auch dieser Bischofsstuhl frei, Hofmann könnte auf seine alten Tage dorthin zurückkehren, wo er ursprünglich herkam und müsste sich nicht als Störenfried eines funktionierenden Gemeindelebens in Schweinfurt gerieren…

Kein Verlass aufs Radio

8. Juli 2010

Erinnern Sie sich noch an den 22. September 2002? Als Edmund Stoiber zum Bundeskanzler gewählt wurde? Prognosen und Hochrechnungen lieferten an diesem Abend das Bild einer schwarzgelben Mehrheit, Stoiber trat selig lächelnd vor die Kameras und versprach, irgendwann später am Abend “ein Glas Champagner” zu öffnen. Ich ging ins Bett. Als ich am nächsten Morgen das Radio einschaltete, war Rot-Grün Wahlsieger und Gerhard Schröder weiter Bundeskanzler.  

Gestern Abend bin ich auch ins Bett gegangen. Und heute morgen habe ich voller Hoffnung das Radio eingeschaltet. Aber nichts hatte sich geändert. Wir haben immer noch gegen Spanien verloren, die Nachbetrachtung hatte kein anderes Ergebnis hervorgebracht, es wurde auch nichts am Grünen Tisch revidiert oder die Begegnung neu angesetzt. Und ganz offensichtlich wurden uns aus Südafrika auch die korrekten Bilder übermittelt. Deutschland – Spanien 0:1. Auf das Radio ist auch kein Verlass mehr…

Der Mond, die Schulden, das Papier

7. Juli 2010

Weil wir gelegentlich mit Zahlen konfrontiert werden, die für uns schlicht unfassbar sind, bemühen sich meine Journalistenkollegen stets um recht plakative Vergleiche, die uns die Dimensionen verdeutlichen sollen. Das klappt gut, solange wir uns in vorstellbaren Zahlenräumen bewegen – etwa so: “China und die USA sind zusammen für etwa 40 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Beide Länder haben fast gleichhohe CO2-Emissionen, aber auf die Bürger herunter gebrochen verbraucht jeder US-Amerikaner etwa achtmal soviel CO2 wie jeder Chinese.” Ein gelungener Vergleich, wie ich finde, der viel aussagt, über ein umweltpolitisches Problem.

In letzter Zeit häufen sich aber auch in seriösen Medien vollkommen sinnentleerte Rechenexempel, die uns eigentlich gar nichts illustrieren – außer dass ein Mathematiker an der Uni offensichtlich Langeweile hatte und völlig nutzloses Wissen erzeugte, das wiederum einen (oder mehrere) Journalisten begeisterte und nun durch die einschlägigen Berichterstattungen wabert. Etwa das: “Die deutschen Staatsschulden in Höhe von 1,6 Billionen Euro (Tendenz steigend…) würden in aufeinandergestapelten 500-Euro-Scheinen eine Höhe von 348 Kilometern erreichen.” Kein Mensch hat auch nur eine vage Vorstellung, wieviel Geld ein nur ein Meter hoher 500-Euro-Stapel ist. Oder wie hoch unser Schuldenturm in 20 Euro-Scheinen wäre. Ob es überhaupt soviele Scheine gibt, wo ein solcher Turm stehen könnte, ohne sogleich vom Wind umgeblasen zu werden, wie dünn die Luft in 348 Kilometern Höhe ist, wie stark die unteren Scheine unter der Last der oberen zusammengedrückt würden, und was genau dieser dämliche Vergleich bezwecken soll. Mathematischer Mumpitz!

Noch so eine Rechennummer: “Der jährliche Papierverbrauch der Deutschen ergäbe einen Din-A-4-Stapel von 384.000 Kilometern Höhe; der jährliche Weltpapierverbrauch von 299 Millionen Tonnen würde in aufeinandergestapelten Din-A-4-Schulheften sogar achtmal bis zum Mond und zurück reichen.” Alles klar? Und: Wissen Sie auch, wie weit der Mond von der Erde entfernt ist? Nun, im Schnitt sind das zufällig 384.400 Kilometer, wobei der Mondradius im Monatsverlauf schwankt zwischen 364.000 und 404.000 Kilometern, da die Umlaufbahn elliptisch ist. Wann wurde dieser Weltpapierstapel aufgestellt, wie hat er die Mondumlaufbahn mitvollzogen, warum wurde bei der Nasa so viel Geld für dieses sinnlose Experiment ausgegeben?

Man kann die Problematik des Papierverbrauchs übrigens auch anders illustrieren – nachvollziehbar. Etwa über den Raubbau an unserer Natur, der durch den Papierhunger entsteht: Jährlich verschwinden deshalb 20 Millionen Hektar Tropenwald – das entspricht rund der doppelten Waldmenge Deutschlands. Oder so: Jeder Deutsche verbraucht pro Person und Tag umgerechnet 800 Gramm Holz in Form von Papier (in diesem Sommer natürlich noch weit mehr Holz in Form von Grillkohle – aber das ist ein anderes Thema…).

Wer sich darum bemüht, findet einen  Vergleich, der die Leser nicht ahnungslos im Regen stehen lässt – auch bei den Staatsschulden: Der im Laufe des Artikels auf 1,762 Billionen Euro gestiegene Schuldenstand Deutschlands bedeutet eine Pro-Kopf-Verschuldung unserer Bürger von 21.490 Euro. Und – um auch das noch einzuordnen: Jeder Italiener steht hinsichtlich seiner Staatsverschuldung mit 29.324 Euro in der Kreide, jeder Portugiese hingegen nur mit 11.847 Euro. Weshalb die portugiesischen Staatsschulden dennoch aus wirtschaftspolitischer Sicht schlimmer sind, als die deutschen, offenbart ein Blick auf die Leistungsfähigkeit der einzelnen Volkswirtschaften: Das deutsche Staatsdefizit liegt in diesem Jahr bei 3,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, das portugiesische bei 9,4 Prozent.

Man sieht, je nachdem, welche Problematik man den Lesern nahe bringen möchte, lohnt es sich, mit Zahlen und vergleichen zu argumentieren. Man muss dazu nur kurz eine der offiziellen Statistiken zu Rate ziehen - und nicht gleich bis zum Mond und zurück rechnen.

Hier schreibt:
Holger Laschka Lic.rer.publ
Vollblut-Journalist und "Halbblut-Unternehmer"
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