Die Chance war größer denn je an diesem Freitagabend um kurz vor Zehn. „Hajo“ Trautzschke hatte irgendwie kein Gefühl mehr in den Fingern, sollte aber eine Bombe entschärfen, indem er einen ganz bestimmten Draht durchzwickt. Sein Kollege Jan Maibach eilte hinzu, die Sekunden verrannen und ich dachte: Jetzt ist es so weit. Jetzt geht die ganze Mischpoke hoch, schade zwar um Hajo und Jan, aber es ist ja nur ein Film, besser gesagt eine Serie, eine, die nach zehn unsäglich langweiligen Fernsehjahren endlich zu Ende geht…
Ich hätte es allerdings wissen müssen. Natürlich erfühlte Jan den richtigen Draht, kurz vor dem großen Knall machtes es “Klick” und alle atmeten erleichtert auf. Schade. Ich hätte Soko Leipzig in guter Erinnerung behalten. Nicht wegen der bisherigen Folgen, sondern wegen des starken Abgangs. Das wäre es doch mal gewesen, wenn in einem deutschen Krimi plötzlich die beiden Hauptdarsteller hätten abtreten müssen, unvermittelt, unerwartet, unerhört? Einfach so, ohne quälendes Vorspiel, ohne langes Siechtum, Peng, eine Bombe geht hoch, zwei Kommissare waren nicht vorsichtig genug, aus und vorbei…
Mag sein, dass das dem einen oder anderen zu roh klingt. Aber hat es nicht auch Charme? Den Krimi einmal nicht so vorhersehbar enden lassen, die Guten mal nicht siegen, die Bösen mal nicht verlieren zu lassen? Ganz so, wie allzu oft im richtigen Leben? Oder brauchen wir das tröstende Ende nach einer knappen Stunde mehr oder weniger packender Action, weil wir es tagsüber nicht hatten? Ist es möglicherweise das Trostpflästerchen, das uns vom ZDF verabreicht wird, bevor wir im nachfolgenden Heute Journal wieder mit der Realität konfrontiert werden?
In der Realität, das wissen wir, tauchen dunkle Geheimdienstgestalten zufällig immer dort auf, wo wirre Neonazis Jagd auf Ausländer machen. In der Realität lassen rechte Kriminelle mitten in der Kölner Innenstadt Nagelbomben einfach hochgehen und kein Hajo ist da, um irgendeinen Draht durchzuzwicken. In der Realität verhindern Verfassungsschützer, dass Verbrecher geschnappt werden, bevor sie noch mehr Unheil anrichten – und sie pumpen Geld in einen braunen Sumpf, den sie über V-Leute zu kontrollieren glauben.
Wer schreibt eigentlich die Drehbücher zu Soko Leipzig? Ich hätte da ein paar Anregungen. Eine Dönerbude spielt dabei eine Rolle, eine türkische Familie – Mann, Frau, drei freundliche Kinder – die diese betreibt. Deutsche Gäste spielen dabei eine Rolle, die sich Döner und türkische Pizza schmecken lassen. Zwei rechte Chaoten sind dabei, die eine Nagelbombe bauen und diese in der Dönerbude verstecken. Und ein V-Mann, der das ganze beobachtet. Als die Bombe hochgehen soll, machen die Betreiber eine Stunde früher Feierabend – irgendeine Familienfeier. Die beiden Neonazis schauen nach ihrer Bombe, der V-Mann kommt dazu, will sie entschärfen, bevor sie “ganz umsonst” hoch geht, zwickt den falschen Draht durch und… Das wäre mal ein Ende ganz nach meinem Geschmack.