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"Heißer Stuhl" des DGB: Brodelnder Frank Hofmann ist wütend auf Die Linke

Schweinfurt (16.9.2009) - Rund 200 Politik-Interessierte aus fast allen Lagern verfolgten gestern Abend im Schweinfurter Naturfreundehaus den "Heißen Stuhl" des hiesigen Gewerkschaftsbundes (DGB) zur bevorstehenden Bundestagswahl. Den Fragen des DGB-Regionsvorsitzenden Frank Firsching stellten sich die fünf Direktkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien - und natürlich ging es dabei primär um Wirtshaftspolitik und Arbeitnehmerrechte.Während Gewerkschafter Klaus Ernst (Die Linke) ein klares Heimspiel hatte, saßen Michael Glos (CSU) und Hendrik Lindemann (FDP) quasi in der "Höhle des Löwen". Doch die vielen anwesenden Gewerkschafter blieben meist fair und zahm - auch als Michael Glos eine etwas verquast gestellte Frage aus dem Publikum allzu selbstbewusst konterte: "Wenn Sie sich diese Frage stellen, müssen Sie sich diese auch selbst beantworten".
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Überhaupt: Michael Glos. Aus der vorübergehenden Schockstarre nach seinem Rücktritt als Wirtschaftsminister ist er deutlich sichtbar erwacht und läuft wieder zu alter Form auf. Statt sich auf den "Heißen Stuhl" - einen Barhocker - zu setzen, stellte er sich bewusst neben diesen und die sehr konkreten Fragen von Frank Firsching beantwortete er mal kurz, knapp und mit einem wissenden Lächeln, mal mit einer ausschweifenden Anekdote, die - obzwar sie stets in eine feine Pointe mündete - die Zuhörer ratlos zurückließ. Allerdings sind die Positionen der Parteien zu Mindestlohn (CSU dagegen, SPD und Linke dafür), Afghanistan (Linke: Sofortabzug, SPD und CSU: Zeitplan erstellen) und dem Weg aus der krise (CSU: Wachstum, Wachstum, Wachstum; SPD: Deutschlandplan; Linke: Demokratischer Sozialismus) ohnedies weithin bekannt und werden nicht spannender, wenn man sie aus den Mündern der lokalen Protagonisten vernimmt.

Eher schon interessiert man sich da für das "Menschliche" und war vielleicht ein wenig überrascht von Frank Hofmann, der als brodelnder Vulkan auftrat und dessen drohenden Ausbrüche den stets lächelnden Klaus Ernst wohl mit Haut und Haar mitgerissen hätten - denn den hält Hofmann für einen Scharlatan, dessen einziges politisches Ziel darin besteht, der SPD zu schaden. So plauderte beim Auftakt-Gespräch Firschings mit dem Grünen Plate Ernst auch zwanglos mit Michael Glos, während der mit leichter Verspätung eintreffende Hofmann sich demonstrativ einen Stuhl weiter weg setzt und den Körper auch noch seitlich weglehnt. Hofmanns Botschaft: Die SPD versucht das Machbare, die Linke streut den Menschen Sand in die Augen und verspricht Dinge, die sie nie einhalten könnte - und auch nicht muss: "In unserer Fraktion gibt es keine Mehrheit für Rot-Rot-Grün - da haben zuviele Kollegen aus dem Osten zu lange unter den Alt-Kommunisten gelitten; die Gräben sind tief", so Hofmann.

Wie Glos machte auch er sich weitehend unabhängig von den Fragen Firschings - auf nicht ganz diplomatische Art: "Du redest Deins, ich rede meins...". Brav geantwortet hatte zu Beginn des Abends noch Hans Plate - doch die Konzepte und Ideen des Grünen (und seiner Partei) waren nicht nach dem Geschmack der Gewerkschafter - und dass Plate die Rente mit 67 verteidigte, kostete ihn noch mehr Sympathien: "Was gibt es denn überhaupt für Jobs, die man bis 67 durchstehen kann - außer vielleicht Politiker", tönte es aus dem Saal. Die Gewerkschafter kamen dafür später voll auf ihre Kosten - bei dem Gala-Auftritt des hiesigen IG-Metall-Bevollmächtigten und stellvertretenden Parteichefs der Linken, Klaus Ernst.

Ernst ist ein Schnell- und Klartextsprecher, der den Eindruck vermittelt, über absolut alles Bescheid zu wissen. Firsching - in Schweinfurt als Linken-Vorstand ein wichtiger Parteifreund von Klaus Ernst - stellte betont herausfordernde Fragen. Doch wer Ernst herausfordert, gibt ihm nur eine Steilvorlage. Kapitalismus abschaffen? Kein Problem - der Demokratische Sozialismus ist ohnedies die bessere Gesellschaftsform und die Gesellschaft müsse auch in der Ökonomie mehr Mitspracherechte bekommen. Rente mit 65 trotz demographischer Missverhältnisse? Auch machbar - mit einer durchschnittlichen Monatsbelastung von 6,50 Euro pro Arbeitnehmer, die doch jeder gerne tragen würde, statt zwei Jahre länger zu arbeiten. Raus aus Afghanistan? Natürlich - weil man dort sowieso nicht gewinnen kann und für jeden Feind, den man dort "ausschaltet" zehn neue hinzubekommt. Ernst hat Rezepte für alles und trägt diese so glaubhaft vor, dass er natürlich an diesem Abend den meisten Zuspruch erhält.

Bleibt Hendrik Lindemann, ein groß gewachsener aber schmallippiger Mann, der die aussichtlose Rolle des FDP-Direktkandidaten im Wahlkreis spielen muss. Dass er sich von Frank Firsching ungestraft einen "Neoliberalen" nennen lässt, zeigt seine Unsicherheit. Und als er im Pareiprogramm "abgefragt" wird, macht er auch den einen oder anderen Fehler. Ihm dies aber anzukreiden, wäre falsch. Wenn ein Podiumsgast - wie geschehen - aus dem Publikum lautstark gefragt wird, ob er "noch richtig ticke oder einen Sprung in der Schüssel" habe, kann er ganz sicher nicht zur "Wer-wird-Millionär-Bestform" auflaufen. Und immerhin ließ sich Lindemann nicht einschüchtern. Betriebsräte erst ab Unternehmensgrößen von 20 Beschäftigten (eine FDP-Forderung) hält er für richtig, weil nun ja schon der mittelständische Handwerksbetrieb von der Mitbestimmung betroffen wäre. Und schade: Dass er den Wildwuchs der Leiharbeitsfirmen für ebenso abstoßend hält, wie die meisten Gewerkschafter, ging im Trubel unter. Nur will Lindemann hier nicht mittels Mindestlohn regulieren, sondern den Kündgungsschutz lockern, weil Leiharbeit dann überflüssig wäre.

Welche Erkenntnis liefet nun ein solcher Abend? Grundsätzlich wurde wohl der Großteil der Anwesenden (darunter auch eine starke CSU-Kolonie und zahlreiche Grüne) in seiner voherigen Meinung bestärkt. Glos, Hofmann und Ernst haben ihre Klientel perfekt bedient - aber wohl kaum das andere Lager überzeugt. Plate und Lindemann waren Randfiguren - so wie auch am 27. September, wenn abgestimmt wird. Aber sie waren authentisch - und der Abend damit letztlich aufschlussreich.

Holger Laschka



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