Peter Sodann zu Besuch in Schweinfurt: "Tatort"-Kommissar und Bundespräsidenten-Kandidat auf Wahlkampf für DIE LINKE
Erhebliche Unterschiede zwischen Osten und Westen? "Wenn ich im Westen frage: ´Sind Ossis da?´ Dann melden die sich freiwillig. Da sage ich immer: ´Da kommen noch mehr!´". Zwei "Ossies" waren am Dienstagabend anwesend und durften lachen. Über die Erzählungen des mit dem Osten stets verbundenen Mannes, der in der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten letzten Mai immerhin 91 Stimmen bekam. Zwei mehr, als die Linken Delegierte hatten. Für DIE LINKE trat Sodann an und auf deren Einladung weilte er auch in Schweinfurt.
"Die Memoiren eines deutschen Querkopfs" lautet der Untertitel des neuen Buches. Und deshalb waren die locker vorgetragenen Erzählungen auch wohl exakt das, was die Leser in den Buch erwartet. "Ihr sollt es ja kaufen", begründete Sodann, lange Jahre an der Theaterhochschule Leipzig, warum er sich nicht so recht heran traute, die Seiten zunächst nicht aufschlug. Dafür plauderte er: Als der Verlag ihn fragte, ob er diese Biografie schreiben wolle. "Bekomme ich Geld dafür?", lautete die Gegenfrage. Auf das "Ja" beschloss er gleich: "Dann schreibe ich drei Bände!"
Es wurde (zunächst?) nur eines, darin scheint aber zu stehen, wie Sodann "Beschimpfungen bis zum Gehtnichtmehr" ertragen musste, als er 2008 kund tat, er würde Josef Ackermann, den Chef der Deutschan Bank, verhaften, wenn er nicht
nur im „Tatort Kommissar wäre. "Ich kriege Angst, wenn der Bundespräsident wird", soll Ackermann danach geäußert haben, als die Wahlabsichten bekannt wurden. Über frühere Mai-Demonstrationen in der DDR plauderte Sodann, die er nach der Wende auferleben ließ. Mit dem neuen Motto: "Zuerst haben wir den Sozialismus ruiniert, jetzt ist der Kapitalismus dran!" Über einen Besuch bei Richerd von Weizsäcker in der Villa Hammerschmidt sprach er, "als ich und noch ein Ossi, der Oberförster von Karl-Marx-Stadt" nach Bonn eingeladen waren. Für den Sohn des Bundespräsidenten durfte er danach eine Wohnung in Halle suchen.
Um die Talkshow bei Sabine Christansen ging es, als er nach ein paar deutlichen Worten nicht mehr gefragt wurde; um ein Zusammentreffen mit Bundestagspräsident Thierse ("der schaut drein wie die Merkel, und die kuckt so, als würde sie uns völlig verblöden"); über die Wachen an der Botschaft, die durch den aufkommenden Taschenrechner keine Strichlisten mehr machen mussten; garniert immer wieder von Sprüchen wie: "Unterfranken klingt auch mies, oder?" Oder: "Köhler ist die Steigerungsform von Kohl. Früher hätte sich das so gesagt. Heute nicht. Denn damnächst habe ich einen Termin und will was von ihm.!"
Was Peter Sodann zunächst am Herzen liegt: "Ein gutes Abschneider der Linken am Sonntag bei der Wahl. Und deshalb stand er am späten Dienstagnachmittag mit auf der Bühne bei einer Kundgebung auf dem Schweinfurter Marktplatz. Der lokale Bundestagsabgeordnete Klaus Ernst durfte mit Bodo Ramelow den heimlichen Wahlsieger in Thüringen begrüßen. Der Kreisvorsitzende Frank Firsching hatte dabei anfangs das "Wahlergebnis" von 125.000 bis 18-Jährigen parat. Mit 10 Prozent für die Linken sei das zwar ausbaufähig, "doch 26 Prozent für CDU/CSU und FDP zusammen zeigen, was wir erreichen können, wenn die Leute noch nicht so verdorben sind."
Sodann fasste sich auf dem Marktplatz kurz, zitierte die Sieben Todsünden von Gandhi und die vierte (Geschäft ohne Moral) dabei besonders betont. Keine zehn Minuten später sprach Bodo Ramelow, danach Klaus Ernst. "Kugelschreiber zur Wahl mitnehmen", riet er, da in den Wahlkabinen die Stifte an derart kurzen Schnüren hängen würden, so dass sie gerade bis zum CSU-Kreis ganz oben auf der Liste reichen dürften. Gerade von der Aufzeichnung der Münchner Runde zurückgekehrt berichtete Ernst über die anderen Spitzenkandidaten, "die mich ankuckten wie ein Ufo". Als er nämlich auf die Frage nach Einsparmöglichkeiten die Hartz IV-Empfänger ansprach, "die sparen müssen, seit sie in das System geraten sind". Nun seien die Reichen dran: Zehn Prozent der Bürger, die das meiste Geld horten, will DIE LINKE mit einer Vermögenssteuer zur Umverteilung bringen: 80 Milliarden wären das von Leuten, die über eine Million Euro besitzen. "Damit treffe wir die Richtigen. Die anderen Parteien wollen die Leistungen für die Sozialversicherungen kürzen. Das muss eine starke Linke verhindern." Seitenhiene gab es, wie schon zwei Tage zuvor beim Auftritt am Bergl, zur Genüge. In Richtung FDP beispielsweise. "Arbeit muss sich wieder lohnen", heißt der von Ernst meist krisierte Slogan. "Die verarschen die Republik! Welche Leistung meinen die? Diejenigen, die am besten abgezockt haben?" Mit Hieb auf die Banken: "Die müssten 1000 Jahre dafür arbeiten, um ihre Schulden abzubezahlen!"
Nicht weniger deftig sprach der aus dem Westen stammende Bodo Ramelow. 3,89 Euro für eine Friseurgeselling in Thüringen seien als Stundenlohn genauso ein Skandal wie 5,40 Euro für einen Wachmann am Thüringer Landtag. Den "Sozialraub quer durch Deutschland" wolle DIE LINKE stoppen, den Mindestlohn verankern "und nicht nur darüber reden". Hartz IV als "brutalste Form der Gleichmacherei" müsse beendet werden, ebenso das Thema Rente mit 67. "Das ist nichts anderes, wie den Leuten an ihrem Lebensabend das Geld abzunehmen!" Angedachte 25 Prozent Mehrwertsteuer ("ein Raubzug gegen die Bevölkerung") gingen ebenso rein gar nicht. Eine moderne Bürgerversicherung müsse her, auch mit einzahlenden Beamten oder Bundestagsabgeordneten. "Wir müssen die Last auf allen Schultern verteilen!" Das fordert links als "die soziale Kraft in Deutschland" Ein Sozialstaat funktioniere nur, "wenn die auch beteiligt werden, die von der Krise profitiert haben". Und der letzte Seitenhieb ging in Richtung SPD: "Als Schutzschild der Geslleschaft wurde sie einst gegründet. Ich hätte nicht gedacht, was Schröder aus diesem Laden gemacht hat!"
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